Absolute Kontrolle über das digitale Bild?

Je intensiver man sich mit der digitalen Fotografie auseinandersetzt, desto öfter stößt man auf den Begriff „Kontrolle“. In vielen Arbeiten ist die Rede davon, dass die digitale Fotografie dem Menschen eine gesteigerte Kontrolle über das Bild geben würde. Es soll nun der Frage nachgegangen werden, woraus dieser Gedanke entstanden ist.

Zunächst einmal ist festzustellen, dass es digitale Bilder bereits seit ca. 1950 gibt, als in England Radarbilder per Telefonleitungen digital übertragen werden sollten. Interessant in Bezug auf den Begriff „Kontrolle“ ist die Tatsache, dass dies bis in die 80er-Jahre hinein so teuer gewesen ist, dass es ausschließlich in Belangen der nationalen Sicherheit eingesetzt wurde (vgl. Schröter 2004, 31). So wurde das Digitale von Anfang an dazu genutzt, eine bessere Kontrolle über u.a. Kommunikationstechniken zu erhalten und dient der Wahrung von strategischen Interessen.

Weiterhin besteht ein digitales Bild aus sehr vielen, kleinen Pixeln.

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Abb.1: Pixel in einem Photoshop-Bild

Jedes dieser kleinen Bildelemente, hat einen eigenen mathematischen Wert und kann z.B. mit dem Computer bearbeitet werden (vgl. Lunenfeld 2002,158).  Durch die technischen Eigenschaften des digitalen Bildes, entstehen folglich völlig andere Möglichkeiten, das Wesen eines Fotos zu verändern. Seine Wirkung kann sich nach der Bearbeitung eines einzigen Pixels vollkommen wandeln. Historisch gesehen verändert sich hierbei die Medienfunktion der Fotografie. Die analoge Fotografie galt als weitestgehend unbeeinflusst vom Menschen. Dieser kann die Fotografie zwar weiterhin nicht direkt beeinflussen, macht sich aber technische Entwicklungen zunutze, um indirekt sehr massiv in das Wesen der Fotografie einzugreifen. (vgl. Lunenfeld 2002, 171)

Besonders entscheidend für die massive Beeinflussung des fotographischen Bildes ist die Veränderung im Entstehungsprozess eines Fotos. An die Stelle der Dunkelkammer, die in der analogen Fotografie als Entwicklungsraum diente, treten nun Fotobearbeitungsprogramme, wie z.B. Photoshop (vgl. Rubinstein/Sluis 2008, 11)

Durch die Entwicklung des Kamerabildschirms 1995 kommt ein entscheidender Faktor der digitalen Fotografie zum Tragen. Jeder, der ein Foto schießt, hat nun die Möglichkeit, es sich direkt danach anzusehen und zu prüfen, ob es gelungen ist. Man kann jederzeit das Licht ändern oder die Kameraposition verändern, bis man den Grad der intendierten Perfektion erreicht hat. Der Fotograf bekommt damit eine fast schon diktatorische Macht über das Bild und seine Wirkung. (Rubinstein/Sluis 2008, 12) Man könnte dagegen argumentieren, dass bereits im Zeitalter der analogen Fotografie, der Fotograph die absolute Macht über das Bild hatte, da es das Medium des Auslösers mit sich bringt, dass man bestimmen kann, was auf dem Bild zu sehen ist. Außerdem ist der Prozess der direkten Betrachtung des Fotos nicht sonderlich neu, war bzw. ist dies doch das Prinzip einer Polaroid-Kamera. Allerdings fehlt in der analogen Fotographie der finale Schritt zur absoluten Kontrolle, nämlich das unmittelbare Ansehen und Beurteilen des Fotos, sowie die direkte Korrektur des fehlerhaften Bildes, durch das Wegfallen der langwierigen Entwicklung. Weiterhin besteht auch bei einer Polaroid-Kamera nicht so einfach die Möglichkeit, Bilder zu löschen.

Die Wichtigkeit des Lösch-Vorgangs in der digitalen Fotographie dürfte eines der wichtigsten Kontrollinstrumente über das fotografische Bild sein. Allerdings: „The delete button reduces the chances of discovering hidden truth in photographs(…).“ (vgl. Rubinstein/ Sluis 2008, 12) Mit der (scheinbaren) Kontrolle des Bildes geht ein Verlust einher, da diese, von Barthes als „punctum“ bezeichnet, versteckten und verstörenden Zeichen verschwinden. Durch den Drang nach Perfektion und dem Wunsch nach Kontrolle, geht dem Menschen unbewusst ein „großes Wohlwollen, fast Rührung“ (Barthes 1989, 53ff.) verloren. Die Kontrollfunktion der digitalen Fotographie ist also nicht nur positiv konnotiert, sondern verändert auch die Natürlichkeit des Bildes nachhaltig.

Man kann dies ebenfalls in der Smartphone-Fotographie und ihren Filtern feststellen:

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Abb.2: Div. Instagram-Filter

Dabei hat man nicht mehr bloß die Möglichkeit das auf dem Foto Sichtbare zu verändern (Cruz/Meyer 2012, 11). Man kann dem Foto etwas hinzufügen, was vorher überhaupt gar nicht dabei war. Man verändert hierbei nicht nur etwas, sondern fügt dem gesamten Bild etwas hinzu, was vorher in keiner Form dagewesen ist.

Zugleich wird die Frage aufgeworfen, ob der Mensch die Bilder beherrscht oder ob er viel mehr von der Kamera dominiert wird. Das Bedürfnis des Fotographen, Bilder wieder zu löschen, entsteht vor allem aus dem begrenzen Speicherplatz, den alle digitalen Geräte bieten. Wäre dieser unendlich, würde es keinen Sinn ergeben, Fotos zu löschen. Die scheinbar „absolute“ Kontrolle des Menschen über die fotographischen Bilder hängt also stark von den technischen Möglichkeiten ab. Ein weiterführender Forschungsansatz wäre, das Verhältnis zwischen dem Menschen und den technischen Objekten zu untersuchen (Simondon 1985). Besonders interessant wäre eine psychologische Herangehensweise an das Verhältnis Fotographie-Mensch, in welchem die Frage erörtert wird, wie die Vorstellung des Menschen von absoluter Kontrolle über die Fotographie zustande kommt, wenn er selbst doch zugleich abhängig von der Technik ist. Etwas Ähnliches hat bereits Gilbert Simondon in seinem Buch „Die Existenzweise technischer Objekte“ angeregt:

„Eine Phänomenologie des technischen Objekts würde so in der Psychologie der Relation zwischen Mensch und technischem Objekt ihre Fortführung finden.“(Simondon 1985, 226)

Man kann resümieren, dass es nachvollziehbare und historisch bedingte Gründe gibt, der digitalen Fotographie eine „absolute Kontrolle“ über ihre Bilder zu zurechnen. Es hat sich jedoch herausgestellt, dass man diesen Begriff nicht uneingeschränkt auf die digitale Fotographie anwenden kann und er keinesfalls ausschließlich positiv konnotiert ist.

 

Bibliographie

Barthes, Roland (1985): Die helle Kammer. Bemerkungen zur Photographie, Frankfurt am Main : Suhrkamp, 2008

Bate, David(1995): The digital condition of photography, in: Lister, Martin (Hg.): The Photographic Image in Digital Culture“ New York, London, 2013. S. 77-95.

Cruz, E.G./Meyer, E.T(2012).: Creation and Controll in the Photographic Process: iPhones and the emerging fifth moment of photography

Lunenfeld, Peter (2002): Digitale Fotografie. Das dubitative Bild, in: Wolf, Herta(Hg.): Paradigma Fotografie. Fotokritik am Ende des fotografischen Zeitalters. Frankfurt am Main : Suhrkamp, 2003 S.158-178

Rubinstein, Daniel/Sluis, Katrina(2008): A life more photographic. Mapping the networked image, in: Photograpies 1:1, 2008, S. 9-28.

Schröter, Jens (2004): Analog/Digital-Opposition oder Kontinuum?, In: Analog/Digital-Opposition oder Kontinuum? Zur Theorie und Geschichte einer Unterscheidung. Bielefeld : Transcript-Verl., 2004, S.7-31

Simondon, Gilbert(1985): Die Existenzweise technischer Objekte. Zürich : Diaphanes, 2012

Bildquellen:

Abb.1: http://kellyegan.net/images/PS_ConwaysLife.png (Zugriff am 12.6.2016)

Abb.2: http://www.inmedium.net/fileadmin/media/blog/20130829_instagram.jpg (Zugriff am 12.6.2016)

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1 Kommentar zu „Absolute Kontrolle über das digitale Bild?“

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